Ich bin gar nicht so gut, wie alle denken – woher kommen solche Gedanken?
Nach aussen sieht alles gut aus.
Du hast einen guten Job, trägst Verantwortung, hast vielleicht eine Familie und bekommst von anderen durchaus das Signal: Du machst das gut.
Und trotzdem denkst du manchmal:
„Ich hatte einfach Glück.“
„Die überschätzen mich total.“
„Wenn die wüssten, was ich alles nicht kann …“
„Eigentlich hätten sie jemand anderen für den Job nehmen sollen.“
Kommt dir das bekannt vor?
Solche Gedanken begegnen mir in der Beratung mit Frauen immer wieder. Oft nicht als ständige Selbstzweifel. Eher als dieser eine hartnäckige innere Anteil, der Erfolge kleinredet, Fehler sehr genau registriert und bei einem Kompliment am liebsten antwortet: „Ach, das war doch nichts.“
Wenn Erfolg sich nicht wie Erfolg anfühlt
Eigentlich müsste man meinen: Irgendwann gibt es doch genügend Beweise dafür, dass man etwas kann.
Beförderung? → Hatte halt gerade niemand Besseres zur Auswahl.
Lob von der Chefin? → Sie war heute wohl besonders gut gelaunt.
Projekt erfolgreich abgeschlossen? → Glück gehabt, dass alles so gut gelaufen ist.
Du merkst: Dieser innere Kommentator ist kreativ. Und er lässt sich von Fakten erstaunlich wenig beeindrucken.
Woher kommt das?
Eine einfache Antwort gibt es nicht.
Vielleicht hast du früh gelernt, dass Anerkennung mit Leistung zusammenhängt. Vielleicht war es wichtig, Erwartungen zu erfüllen, wenig Fehler zu machen oder es möglichst allen recht zu machen.
Dann kann sich irgendwann die Überzeugung festsetzen:
„Ich bin gut, wenn ich etwas leiste.“
„Ich darf keine Fehler machen.“
„Ich muss mich anstrengen, damit ich genüge.“
Und plötzlich ist selbst Erfolg kein Ort, an dem man sich entspannt zurücklehnen kann.
Ein bisschen Schweiz
Vielleicht hat auch unsere Kultur ihren Anteil daran.
In der Schweiz ist Bescheidenheit schliesslich eine ziemlich geschätzte Eigenschaft. Nicht zu laut. Nicht zu wichtig. Nicht zu sehr: Schaut her, was ich kann!
Das kann sympathisch sein. Aber wo endet Bescheidenheit – und wo beginnt SelbstverKLEINerung?
Wenn du nach einer gelungenen Präsentation sagst: „Ach, das war doch nichts Besonderes“, obwohl du drei Wochen daran gearbeitet hast.
Oder wenn du eine Beförderung bekommst und denkst: „Die hatten wahrscheinlich einfach niemand anderen.“
Vielleicht lohnt es sich, hier einmal genauer hinzuschauen.
Und warum begegnet mir das so häufig bei Frauen?
Frauen lernen oft früh, aufmerksam für andere zu sein, Erwartungen zu erfüllen und nicht zu viel Raum einzunehmen. Gleichzeitig sollen sie selbstbewusst, erfolgreich und durchsetzungsfähig sein.
Da kommen ganz schön widersprüchliche Erwartungen zusammen:
Sei erfolgreich – aber nicht zu stolz.
Sei selbstbewusst – aber nicht zu dominant.
Übernimm Verantwortung – aber mach kein grosses Aufheben darum.
Vielleicht ist es deshalb gar nicht so erstaunlich, wenn eine Frau äusserlich längst ihren Platz gefunden hat und sich innerlich trotzdem fragt, ob sie wirklich dorthin gehört.
Du bist nicht zufällig hier
Vielleicht musst du diesen zweifelnden Anteil gar nicht loswerden, sondern darfst ihn erst einmal kennenlernen.
Wenn du das nächste Mal denkst „Ich hatte einfach Glück“, frag dich:
Was war mein Beitrag dazu?
Was hast du gelernt? Was hast du entschieden? Wofür hast du gearbeitet? Was kannst du tatsächlich gut?
Nicht, um dich selbst zu feiern, als gäbe es morgen einen Preis für die beste Eigenwerbung, sondern um deine Leistung genauso ernst zu nehmen wie deine Zweifel.
Denn wahrscheinlich bist du gar nicht zufällig dort, wo du heute bist.
Vermutlich darfst du einfach aufhören, dich kleiner zu machen, als du bist.

